KlassenraumKann man zur Freiheit erziehen? Muss man zu Freiheit erziehen? Man könnte allerdings auch fragen: Warum sollte man zu etwas erziehen, was ohnehin praktisch jeder und jede will? So beginnt ein Vortrag von Morus Markard, als Professor Sozialpsychologie lehrend, ein Vertreter der so genannten Kritischen Psychologie. Wenn sich Freiheit, so Markard, am Ausmaß der Verfügung über die eigenen und damit gesellschaftlichen Lebensbedingungen bemisst, wird die Frage interessant, welche Machtverhältnisse herrschen, bzw. inwieweit Freiheit und Entwicklung eingeschränkt werden…

Noch heute werden Menschen belächelt, die Freiheit auch im Verhältnis zu ihren Kindern umsetzen; die Freundschaften führen, statt Machtverhältnisse leben. Eine Zeit lang wurde durch den freien Publizisten und Kinderrechtler Ekkehard von Braunmühl der Begriff der Antipädagogik geprägt und dann von anderer Seite missbraucht, heute spricht man von Amication – Freundschaft mit Kindern.

Der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, Marshall B. Rosenberg, sagt, wenn wir anfangen, aufeinander (herab) zu schauen, hören wir, bei einander zu sein. Das gilt auch und gerade für das Zusammenleben mit Kindern. Oft sind es die Ängste der Eltern, welche starre und unnatürliche Grenzen setzen, wo Verständnis und die Auseinandersetzung mit eigenen seelischen Wunden hingehört. Es geht nicht um Schuld. Als Eltern geben wir weiter, was wir verinnerlicht haben. Doch es ist unsere Verantwortung, unser Denken und Handeln kritisch zu interfragen, und sich daran zu erinnern, daß uns in Gestalt unserer Kinder ein vollwertiger Mensch gegenübersteht.

Die Frage muss erlaubt sein, wohin uns verkrustete Erziehungsmuster gebracht haben. Ist das Ziel nicht eine freie und solidarische Gesellschaft? Wenn ja, was davon ist verwirklicht, was nicht – und welchen Beitrag leisten wir mit Erziehung und Staatsfürsorge?

Der Staat spricht von der Erziehungsfreiheit der Eltern. Was für ein Gegensatz, wo Erziehung doch gerade Unfreiheit bedeutet. Schließlich ist Erziehung ein einseitiges Machtverhältnis. “Erziehungserfolge” sind umso deutlicher zu erkennen, je subtiler der Erziehende seine Macht gegenüber dem Objekt der Erziehung ausüben kann. “Misserfolge” in der Erziehung ziehen meist deutlich sicht- und spürbare Konsequenzen nach sich, je nach Einstellung des Machthabers.

Das Verhältnis zwischen Staatsgewalt und Bürger ist ebenfalls ein Abhängigkeitsverhältnis, so selbstverständlich, wie jenes zwischen Eltern und Kindern. Es wird selten noch hinterfragt. Der Staat macht die Regeln. Wer diese nicht befolgt, hat Konsequenzen zu tragen. Je gesetzestreuer der Bürger ist, desto weniger offensichtlich ist ihm die Machtausübung des Staates. Widerspricht der Bürger, der ja den Staat macht, der Staat ist, der Staatsgewalt, droht Ungemach. Je heftiger der Widerspruch, desto drastischer die erzieherischen Maßnahmen.

Der Staat spricht also von Erziehungsfreiheit. Am Beispiel der Homeschool-Bewegung jedoch wird deutlich, wo die Grenzen dieser angeblichen Freiheit liegen. Homeschooler, das sind Eltern, die ihre Kinder zu Hause nach eigenen Ansichten unterrichten wollen, ohne dem Zwang zu unterliegen, ihre Kinder einer Sozialisation auszusetzen die zu den gegenwärtigen Mißständen erst geführt hat: Leistungdenken, Rivalität, Gruppendruck, Aufmerksamkeitsdefizite, Ent-Individualisierung.

In Deutschland aber haben Eltern oft den Eindruck, keine andere Wahlzu haben, als ihr Kind in die Schule und somit in diese Sozialisation zu schicken. Das Netzwerk Bildungsfreiheit beschreibt dazu eines seiner Ziele:

Wir setzen uns ein für die Umsetzung von Artikel 26 (3) der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, worin festgeschrieben ist: “Eltern haben das vorrangige Recht, die Art der Bildung und Erziehung, die ihre Kinder erhalten sollen, zu wählen. Die entwürdigenden und menschenrechtsverletzenden Zwangsmaßnahmen wie Buß- und Zwangsgelder, polizeiliche Zwangszuführungen und Sorgerechtsentzüge sind unverzüglich einzustellen. Wir engagieren uns für eine ersatzlose Abschaffung derartiger Repressionen, die einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft unwürdig sind. Wir erwarten, dass ein demokratisches Land die Menschenrechte und die Empfehlung für die Rechte des Kindes anerkennt.

Das Thema ist aktuell. Das ZDF berichtet im November 2009 in einer Reportage davon; bis nach Amerika sind die Meldungen von bevorstehenden Prozessen gegen Homeschooler gedrungen. “Europa bricht über Homeschooler herein” heißt es da. Es geht gegen die Familie Dudek, die nun einen Musterprozess führen muss, stellvertretend für die anderen Eltern. Die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) schreibt:

Sie schicken ihre Kinder nicht zur Schule, sondern unterrichten sie zuhause. Mit Hingabe, aus Überzeugung und mit Erfolg. Als der älteste Sohn Jonathan nach zehn Jahren Hausunterricht durch Mutter und Vater kurz in die staatliche Schule nach Herleshausen wechselte, um dort die mittlere Reife abzulegen, wunderten sich die Lehrer nicht schlecht: 1,1 war sein Durchschnitt, Jonathan war Klassenbester. Eine Lehrstelle zu bekommen, war für ihn kein Problem. Mittlerweile lernt er im zweiten Jahr Schreiner.

Längst nicht alle Homeschooler sind überzeugte Christen. Doch alle verbindet dieser Gedanke an ein wenig Freiheit im Umgang mit den eigenen Kindern. Als die Schulpflicht 1592 weltweit erstmalig eingeführt wurde, war der Gedanke, die Nachkommen im Sinne der Kirche und des Glaubens zu erziehen. Auch hier ging es um Machtausübung und Abhängigkeit. Privatschulen dagegen sind bis heute meist elitäre Einrichtungen, manche gewollt, andere, weil die Unterstützung durch den Staat oft mangelhaft ist.

Zur Schulpflicht in anderen Ländern schrieben Nutzer in Wikipedia:

In der Schweiz (bis auf 2 Kantone), Australien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien und den USA besteht anstatt der Schulpflicht eine Bildungspflicht oder Unterrichtspflicht, die statt durch Schulbesuch auch durch Hausunterricht oder Unschooling (selbstständiges Lernen) erfüllt werden kann. [...] International bekanntere Schulen, die eine Anwesenheitspflicht im Unterricht ablehnen, sind Summerhill, gegründet von dem Reformpädagogen A. S. Neill, in England und die Sudbury-Schulen


    6 Meinungen.
  1. Thomas, das bringt mich zu der Frage, gibt es bedingte Freiheit?

    Kommentar von Daniel Reitzig am 29. November 2009 um 22:51 Uhr.

  2. Rudolf Steiner sagt über die Freiheit: Des höheren Menschen Weg und Ziel ist die Freiheit.
    Dies veranschaulicht für mich die enorme Bedeutung der Freiheit.

    Kommentar von Thomas Franz am 27. November 2009 um 10:21 Uhr.

  3. Manfred Spitzer über Gewalt im Fernsehen
    http://www.youtube.com/watch?v=TjzMwzYhPL4

    Kommentar von Dorothea am 16. November 2009 um 19:22 Uhr.

  4. Von den Spiegelneuronen hab ich schon gehört. Danke! Das mit dem Vorbild hat mir zudenken gegeben…Gruß, Hans

    Kommentar von Hans am 16. November 2009 um 17:42 Uhr.

  5. Ja, ich übe mich darin, meine Grenzen zu benennen und danach zu leben, aber es sind eben meine Grenzen. Warum sollte ich sie automatisch zu denen der Kinder machen wollen? Wenn es mir beispielsweise gelingt, achtsam mit Menschen umzugehen, und Kinder sehen das…dann braucht es in dieser Hinsicht keine durch mich auszusprechende Grenze. Kinder lernen durch Nachahmung. Stichwort: Spiegelneuronen.

    Wenn Kinder mich bei Rot über die Strasse rennen sehe, obwohl ich mit ihnen schimpfte, wenn sie das tun würden, kommt bei den Kindern eher etwas verwirrendes an, zumindest keine Klarheit.

    Kommentar von Daniel Reitzig am 16. November 2009 um 07:37 Uhr.

  6. Hmm…aber Kinder brauchen doch Grenzen, wenn sie machen können was sie wollen, wie sollen sie sich als Erwachsene zurecht finden? Oder?

    Kommentar von Hans am 16. November 2009 um 07:05 Uhr.

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