Ihr Kind hat ADS, so lautete die Diagnose von Frau Dr. F.H., einer Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde,
Naturheilverfahren, Psychotherapie und Sozialpsychiatrie. Sicher hat sie meinen Gesichtausdruck bemerkt, denn sie beeilte sich, zu ergänzen: nur die leichte Form, Medikamente sind nicht notwendig. Meinen Hinweis auf mögliche Bindungsstörungen wischte sie beiseite, das sei eine Modediagnose. Dabei dachte ich, es sei genau umgekehrt.
Bei meiner eigenen Recherche stieß ich auf eine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Deutschen Bundestag zum Thema ADS und Ritalin (BT-Drucksache 16/3045, 2006). Die Fragesteller wiesen zunächst daraufhin, daß die Zahl der Verschreibungen von Ritalin und ähnlichen Pharmazeutika seit 1990 vervielfacht hatten:
Damals lag die Zahl der damit behandelten Kinder noch bei 1 500. Etwa 15 Jahre später belief sie sich nach Schätzungen der deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin auf 50 000 bis 100 000.
Was ist das für eine Krankheit, die mittlerweile so gehäuft auftreten soll?
Der Psychologe Hans-Reinhard Schmidt hat dazu eine interessante Übersicht erstellt. Er nähert sich dem Phänomen zunächst mit der Frage danach, was es (vermutlich) nicht ist: keine spezifische hirnorganische Veränderung, keine spezielle Krankheit, keine Frage der genetischen Vererbung (PDF, ca. 85 KB).
In Werner Stangl’s Arbeitsblättern heißt es dazu:
Aufmerksamkeitsstörungen wurde um die Jahrtausenwende zur “Modediagnose”. Fachleute warnen daher vor einer bedenkenlosen Anwendung des Arzneimittels, denn nicht jedes unruhige, lebhafte Kind ist hyperaktiv. Kinderärzte und -psychiater sind mit der exakten Diagnose überfordert und greifen auch bei anders gearteten Störungen vorschnell zum Ritalin-Rezept.
Die Bundesregierung teilt die Besorgnis der Überforderung im Übrigen nicht. In der oben erwähnten Drucksache heißt es dazu:
Nach den der Bundesregierung vorliegenden Erkenntnissen [...] liegt die Methylphenidat-Therapie in erster Linie in der Hand der Kinderärzte und der niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater. Diese haben einen hohen Stellenwert bei der Initiierung der Therapie. Bei der Fortführung der Therapie, den sog. Folgeverordnungen, ist erwartungsgemäß auch die Arztgruppe der Allgemeinärzte quantitativ bedeutsam vertreten. Somit ist davon auszugehen, dass Methylphenidat, insbesondere in der sensiblen Phase der Ersteinstellung der Kinder, überwiegend von besonders qualifizierten Ärzten/-innen verordnet wird. [...] Vor diesem Hintergrund sieht die Bundesregierung – zumindest nach jetzigem Kenntnisstand – keine zwingende Notwendigkeit, die Verschreibung dieses Arzneimittels auf bestimmte Ärzte, z. B. besondere Facharztgruppen, ein- zuschränken.
Es wäre nun wirklich verwunderlich, anzunehmen, die Bundesregierung würde sich gegen die Profitinteressen der Pharmaindustrie stellen. Immerhin wären dann doch Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet, nicht wahr?
Sich zum Sklaven dieses Systems machen?
In einigen sonst der Subversion unverdächtigen Medien wird zumindest kritisch berichtet, notfalls mit vollem Einsatz. Ich bin ein Zombie, und ich lerne wie eine Maschine steht über einem anonym verfassten Selbsterfahrungsbericht in der Campus-Beilage der ZEIT. Darin wird Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Uni-Klinik Göttingen, mit der Frage konfrontiert, wie hoch die körperlichen Risiken der Einnahme von Ritalin tatsächlich seien. Der Experte antwortet weise:
Sie betrachten das Problem falsch, nämlich rein medizinisch. Ich frage Sie: Was kann man sich selbst Schlimmeres antun, als sich so zu funktionalisieren? Als sich zum Sklaven dieses Bildungssystems zu machen?
In den Medien wird immer wieder die Konstellation Wirtschaft und Bildungssystem aufgegriffen. Erstere beschwert sich immer wieder, letzteres würde immer schlechteres Humankapital hervorbringen. Nun der Zirkelschluss zum Neuro-Kapitalismus, den Hennric Jokeit und Ewa Hess auf den Punkt bringen.
Sie meinen, das kapitalistische Wirtschaftssystem habe sich als sehr anpassungsfähig und damit resistent gegenüber systemimmanenten Krisen gezeigt. Stets seien Wissenschaften und Methodiken produziert worden, die systembedingte Ausfallerscheinungen in den beteiligten Individuen analysieren und abmildern konnten – um die krankgemachten Menschen so weiter in den Kreislauf von Angebot und Nachfrage einzubinden.